„Christoph Blumhardt – sozialdemokratischer Prophet und Rebell“

Ob es nun Thema, am Referenten oder am Hinweis im Lokalteil der „Stuttgarter Zeitung“ lag, sei dahingestellt; jedenfalls kamen am Abend des 6. Mai eine ganze Reihe Gäste, die nicht zum Stammpublikum des „Steinbergle“ zählen.

Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht, Rolf Lehmann erzählte fundiert, pointiert und kurzweilig und regte zu lebendigen Diskussionen an. 1969 sei der Evangelische Kirchentag in Stuttgart hochpolitisch gewesen; im Vergleich dazu komme ihm das diesjährige Programm doch recht „weichgespült“ vor. Da sei es genau richtig, an Christoph Blumhardt zu erinnern, der als Theologe zunächst in die Fußstapfen seines Vaters trat, der 1852 das Kurhaus in Bad Boll erworben hatte und große Erfolge bei der Heilung psychisch Kranker erzielte. Dabei war er kritisch gegenüber rein körperlich orientierten Ansätzen; aus heutiger Sicht würde man ihn wohl am ehesten als „seelsorgerischen Psychotherapeuten“ bezeichnen. Mit seinem ganzheitlichen Ansatz erzielte er große Erfolge; zu seinen Patienten gehörten auch Gottfried Benn, Hermann Hesse oder Elisabeth von Ardenne, das reale Vorbild von Fontanes „Effi Briest“. 

Immer stärker wurde ihm bewusst, dass soziale Notlagen, mit denen er durch seinen Beruf natürlich viel zu tun bekam, auch politisch angegangen werden müssen. „Wir dürfen die Höllen nicht dulden, in denen die Menschen liegen“, lautete seine Erkenntnis, und: „Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon“. Im Zuge einer Protestkampagne der Gewerkschaften gegen die sogenannte Zuchthaus-Vorlage (wer streikte, sollte mit Zuchthaus bestraft werden) trat er 1899 in die SPD und geriet dadurch in schwere Konflikte mit dem Oberkirchenrat: Er solle entweder aus der SPD wieder austreten oder auf Rang und Titel eines Pfarrers verzichten. Er entschied sich für letzteres und wurde sogar 1900 für sechs Jahre für die SPD in den Landtag gewählt. Als Person war er in der SPD respektiert; die evangelische Kirche war damals aber so kaiser- und staatstreu, dass die SPD-Anhänger in großer Zahl aus der Kirche austraten.

Nach seinem Tod 1919 wurde er nicht kirchlich beerdigt, aber immerhin erinnert das Gesangbuchlied 558 an ihn, dessen Text von ihm stammt: „Seid Kämpfer in der Zeit“ heißt es dort im sechsten Vers.

(Gottfried Schmitt, Vorsitzender OV Nord)