Jakob Walcher - Vor 100 Jahren gegen den Krieg, Portrait eines widerstšndigen Sozialdemokraten in Stuttgart Nord

                

 

Jacob Walcher ist heute nur noch sehr versierten Kennern der Arbeiterbewegung ein Begriff. Der SPD-Ortsverein Stuttgart Nord/Prag konnte ihn 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs ein wenig der Vergessenheit entreißen – gegen den Krieg und gegen die Zustimmung der Reichstagsfraktion der SPD zu den Kriegskrediten hatte er als Redakteur der Stuttgarter Parteizeitung „Schwäbische Tagwacht“ angeschrieben, bis die Redaktion durch Journalisten ersetzt wurde, die eher auf der Linie des Parteivorstands lagen. Damals war er  Mitte 20 und Mitglied der SPD in Stuttgart-Nord. 1918 zählte er dann zu den Mitbegründern der KPD, geriet aber bald in Opposition zur immer stalinistischer werdenden Parteiführung. Im Büro der KPO, der Organisation der antistalinistischen Kommunisten, lernte ihn unser Referent Theodor Bergmann Anfang der 1930er Jahre in Berlin kennen. Einen Zeitzeugen aus diesem Umfeld heute noch erleben zu dürfen, war ein beeindruckendes Erlebnis! Theodor Bergmann, inzwischen 98 Jahre alt, emigrierte 1933 ebenso wie Jacob Walcher und traf ihn 1946 wieder: Nach Aufenthalten in Frankreich und den USA war Jacob Walcher in die Sowjetische Besatzungszone gegangen und dort als alter Funktionär des Metallarbeiterverbands Chefredakteur der Gewerkschaftszeitung „Tribüne“ geworden. Doch die Sowjets missbrauchten in den Augen von Theodor Bergamnn das Vertrauen der ehrlichen Kommunisten.  Jacob Walcher erging es wie so vielen „Westemigranten“: Von Ulbricht wurde er aus der SED ausgeschlossen und später nur halbherzig rehabilitiert. 1970 starb er in Ost-Berlin. 

Im gut besuchten „Steinbergle“ wurde rege diskutiert: Was wäre 1914 passiert, wenn die SPD nicht den Kriegskrediten zugestimmt hätte? Theodor Bergmann ist der Auffassung, wenn 500.000 Arbeiter demonstriert hätten, hätte sich die Reichsregierung den Kriegskurs dreimal überlegt. Die Spaltung der Arbeiterbewegung nach 1918 ist für ihn unausweichlich – kein Kommunist hätte mit Noske in einer Partei sein wollen. Dennoch könnten unterschiedliche linke Parteien gemeinsam agieren, heute beispielsweise für Frieden, Umwelt und eine solidarische Flüchtlingspolitik.


(Der Referent Theodor Bergmann)